Warum die klügste No-Code-Plattform trotzdem auf der falschen Seite der KI-Welle steht

Webflow verdient eine andere Behandlung als Elementor. Das muss zuerst gesagt werden.

Elementor hat proprietäres JSON in Datenbanken gespeichert und es KI-Integration genannt. Webflow hat echtes HTML, CSS und JavaScript erzeugt, exportierbaren Code geliefert und eine Brücke zwischen Designabsicht und Webstandards gebaut. Strukturell ist das ein anderes Produkt auf einem anderen Niveau.

Und trotzdem steht Webflow vor demselben strategischen Problem. Nur von einer anderen Seite, auf einer anderen Zeitskala und mit einer Ironie, die schmerzhafter ist: Webflow hat das richtige Problem erkannt, jahrelang an der richtigen Antwort gearbeitet und merkt jetzt, dass die Frage sich verschoben hat.

Was Webflow richtig gemacht hat

Um zu verstehen, warum Webflows Position schwierig ist, muss man verstehen, warum sie gut war.

Die Prämisse hinter Webflow war keine vereinfachte Version der Elementor-Prämisse. Sie war eine präzisere. Nicht "wer nicht coden kann, benutzt uns als Notlösung", sondern "wer nicht coden will, verdient trotzdem professionelle Ergebnisse mit echten Webstandards darunter."

Webflow erzeugt kein proprietäres Zwischenformat. Die Plattform generiert sauberes, semantisches HTML und CSS, das sichtbar, exportierbar und von Entwicklern weiterverarbeitbar ist. Das ist der entscheidende strukturelle Unterschied zu Page Buildern. Ein Webflow-Export ist Webcode. Ein Elementor-Export ist ein Portierungsproblem.

Bis Ende 2025 hatte Webflow über 524.000 aktive Websites, 3,5 Millionen registrierte Nutzer in 190 Ländern und einen Jahresumsatz von 213 Millionen Dollar, ein Anstieg von 66% gegenüber 2023 (ColorWhistle, 2026; Taptwice Digital, 2025). Das sind keine Kennzahlen einer sterbenden Plattform. Das ist eine Plattform auf dem Höhepunkt ihrer Wachstumsphase.

Das macht die strategische Lage komplizierter, nicht einfacher.

Das Versprechen, das KI angreift

Webflows Kernversprechen lautet: Design ohne Code, mit professionellem Ergebnis.

Dieses Versprechen hatte zwei Zielgruppen. Erstens Designer, die Ergebnisse ohne Entwickler-Abhängigkeit wollten. Zweitens Agenturen und Freelancer, die Kunden-Websites schneller und günstiger bauen wollten als mit manueller Entwicklung.

Für beide Gruppen war Webflow die vernünftige Antwort auf eine reale Frage. Und für beide Gruppen verändert KI die Frage.

Andrej Karpathy beschrieb im Februar 2025 "Vibe Coding" als Workflow, bei dem Nutzer Absicht in natürlicher Sprache formulieren und KI den Code schreibt. Collins Dictionary kürte den Begriff am 6. November 2025 offiziell zum Wort des Jahres (Collins Dictionary, 2025). Plattformen wie Lovable, Bolt.new und Framer haben Nutzergruppen erschlossen, die früher zu Webflow gegangen wären: Menschen mit Designgefühl, ohne Entwicklungshintergrund, mit einer klaren Vorstellung davon, was sie wollen.

Der Unterschied: Diese Plattformen haben keinen visuellen Editor als primäre Schnittstelle. Sie haben einen Prompt. Das Ergebnis ist oft vergleichbar. Der Weg ist kürzer.

Webflow ist nicht schlechter geworden. Die Alternative ist schneller geworden.

Der Druck von unten: Framer

Webflow verliert gleichzeitig Marktanteile an eine Plattform, die konsequent einfacher ist.

Framer hat sich von einem Prototyping-Tool zu einem vollständigen Website-Builder entwickelt und greift gezielt das Segment an, für das Webflow früher die offensichtliche Wahl war: Designorientierte Marketing-Sites, Portfolios, Landing Pages. Framer ist günstiger, KI-nativer bei der Site-Generierung und hat eine flachere Lernkurve (Framer vs. Webflow, Pixeto 2026).

Webflow selbst beschreibt den Unterschied in seiner Marketing-Kommunikation als Stärke: mehr Kontrolle, bessere Skalierbarkeit, tiefere CMS-Funktionen. Das stimmt. Aber es erklärt nicht, warum jemand, der eine Marketing-Site für ein Startup bauen will, die zusätzliche Komplexität will.

Framer ist für Webflow das, was Webflow für Elementor sein wollte: die einfachere Alternative mit dem besseren Designgefühl. Die Ironie ist vollständig.

Der Druck von oben: Vibe Coding

Während Framer das untere Segment bearbeitet, greifen KI-direkte Workflows das obere an.

Agenturen und versierte Freelancer, Webflows Kernzielgruppe, sind auch die Gruppe, die am schnellsten zu direkten KI-Coding-Workflows migriert. Für sie ist die Frage keine technische mehr. Es ist eine Kostenrechnung. Was ist günstiger: ein Webflow-Team mit entsprechender Tooling-Infrastruktur, oder ein kleineres Team, das direkt mit Cursor, Claude Code oder vergleichbaren Tools in React oder Next.js arbeitet?

65% aller Entwickler nutzen KI-Coding-Tools bereits wöchentlich (Stack Overflow Developer Survey 2025, zitiert in MIT Technology Review, 2026). Die Lernkurve für KI-direkten Code flacht sich messbar ab. Der Punkt, an dem ein Designer ohne Entwicklungshintergrund KI-generierten Code verstehen, iterieren und deployen kann, rückt näher.

Webflow hat für diese Nutzergruppe keinen überzeugenden Gegenangriff formuliert.

Die Preisentscheidung, die alles verschlechtert

In diese Situation hinein hat Webflow Anfang 2025 eine Entscheidung getroffen, die strategisch schwer zu erklären ist.

Die Plattform erhöhte CMS-Plan-Preise um rund 44% und entfernte das Guest-Editing-Feature aus CMS-Plänen. Dieses Feature, mit dem Freelancer ihren Kunden direkten Content-Zugriff geben konnten, war für viele Agenturen ein zentraler Teil des Webflow-Workflows. Es ist seither nur noch gegen ein zusätzliches Workspace-Seat verfügbar, das rund 28 Dollar monatlich extra kostet (Webflow Community Forum, Dezember 2024).

Die Community-Reaktion war eindeutig. Im Webflow-Forum stellte ein Nutzer fest: "They've made an already confusing pricing model considerably more complex and lost an awful lot of customer goodwill in the process." Ein anderer schrieb, das Verhandeln mit dem Webflow-Pricing-System sei schwieriger als mit einem Gebrauchtwagenhändler (Webflow Forum, Dezember 2024).

Laut BCMS-Analyse wirkt die Preisstruktur als hätte Webflow eine klare Entscheidung getroffen: Die Plattform priorisiert Enterprise-Kunden. Für Freelancer und kleine Agenturen fühlt sich das wie eine Einladung zur Migration an.

Das ist keine Katastrophe für Webflow. Enterprise ist ein valides Segment. Aber es ist eine Aussage über strategische Prioritäten, die nicht mit der kommunizierten Positionierung übereinstimmt.

Das Paradoxon

Webflow hat die technisch überlegene Architektur unter den Abstraktionslayern gebaut. Es erzeugt echte Webstandards statt proprietäre Formate. Es ist KI-freundlicher als Elementor, weil Modelle HTML und CSS kennen.

Aber "KI-freundlicher als Elementor" ist kein strategisches Ziel. Es ist eine niedrige Messlatte.

Die eigentliche Frage ist eine andere: Wenn KI aus einer Beschreibung direkt sauberes HTML, CSS und JavaScript erzeugen kann, was ist dann noch die spezifische Funktion eines visuellen Editors dazwischen?

Die ehrliche Antwort ist: Für manche Nutzergruppen eine Menge. Für andere immer weniger.

Der Designer, der keine Lernkurve für Prompting investieren will und lieber visuell arbeitet, hat bei Webflow weiterhin eine valide Heimat. Der Freelancer, der 15 Client-Sites pro Jahr baut und bisher für jeden Build eine Webflow-Lizenz gebraucht hat, rechnet gerade durch, ob ein KI-direkter Workflow günstiger ist. Die Antwort hängt von Projektgröße, Komplexität und persönlichem Workflow ab. Sie ist nicht mehr automatisch Webflow.

Was Webflow stattdessen sein könnte

Es gibt eine Version von Webflow, die in der KI-Ära eine starke Position hat. Sie sieht nicht wie das aktuelle Produkt aus.

Webflow als Code-Export-Layer: Die Plattform könnte sich als Interface zwischen menschlicher Designabsicht und KI-weiterverarbeitbarem Code positionieren. Nicht "wir ersetzen Entwickler", sondern "wir liefern den strukturierten Output, den KI als Input braucht." Das würde Webflows strukturellen Vorteil gegenüber Elementor in eine KI-native Strategie übersetzen.

Webflow als Collaboration-Layer: Die stärkste Position für Webflow könnte die Brücke zwischen Design-Teams und KI-generierten Komponenten sein. Nicht als Ersatz für Code, sondern als strukturierter Kontext, in dem KI-Output reviewt, angepasst und deployed wird.

Diese Versionen existieren nicht als Produkt. Sie existieren als strategische Möglichkeit. Wie schnell und ob Webflow dorthin findet, ist offen.

Das Fazit

Webflow ist eine gute Plattform in einer schwierigen strategischen Lage. Das ist kein Widerspruch.

Die Plattform hat echten Mehrwert geschaffen, eine technisch sauberere Alternative zu Page Buildern gebaut und eine Community aufgebaut, die das Produkt ernst nimmt. Die Wachstumszahlen bis 2024 belegen, dass das Wertversprechen funktioniert hat.

Das Problem ist nicht, dass Webflow das Falsche gebaut hat. Das Problem ist, dass sich die Prämisse unter dem richtigen Produkt verändert. "Design ohne Code" war die Antwort auf "Code ist unzugänglich." Je mehr KI Code zugänglich macht, desto kleiner wird die Lücke, die Webflow füllt.

Das geht langsam. Netzwerkeffekte sind real. Aber die Richtung ist eindeutig.

Für jeden, der heute eine Entscheidung rund um Webflow trifft: Die Plattform ist nicht kaputt. Aber wer mittelfristig plant, sollte die Entwicklung von Framer, die Preisrichtung von Webflow und den Reifegrad von Vibe-Coding-Workflows im Blick haben.

Der Abstraktions-Kollaps trifft Webflow mit einer Verzögerung und einer Nuance, die Elementor nicht hat. Aber er trifft.

Teil 1: Der Abstraktionskollaps
Teil 2: Warum Pagebuilder + KI eine Totgeburt ist

Quellen: